Neurology and Historical StudiesCerebrospinal fluid and hydrocephalusBiomedical and Chemical Research

Alexander Grimm, Justus Marquetand

2026.5.29KLINISCHE NEUROPHYSIOLOGIE

DOI: 10.1055/a-2701-2714

Abstract

Liebe Kolleginnen und Kollegen, immer wieder sind wir damit konfrontiert, den Mehrwert unserer diagnostischen Verfahren kritisch zu hinterfragen, sowohl hinsichtlich ihrer Aussagekraft als auch ihrer Konsequenzen für Therapieentscheidungen. Doch was heißt „Mehrwert“ im klinischen Kontext eigentlich? In der lesenswerten englischsprachigen Ausgabe von Michel Foucaults Werk „The Birth of the Clinic“ findet sich hierzu eine ebenso prägnante wie zeitlose Beobachtung: „All theory is always silent or vanishes at the patient's bedside.“ [ 1 ]. Gerade in der klinischen Neurophysiologie zeigt sich diese Spannung besonders deutlich. Zwischen technischer Präzision, methodischer Vielfalt und klinischer Realität bleibt die entscheidende Frage, welchen Beitrag ein Verfahren tatsächlich zur Versorgung unserer Patientinnen und Patienten leistet – und wo seine Grenzen liegen. Die Beiträge dieses Heftes greifen diese Thematik aus unterschiedlichen Perspektiven auf. So wird in der Übersicht zu Small Fiber Neuropathien deutlich, wie herausfordernd Diagnostik in einem Feld ohne klaren Goldstandard ist. Passend zur „Mehrwert“-Diskussion findet sich auch in diesem Heft ein Novum: der erste Beitrag zur neuen Rubrik „Im Fokus“, in der Methoden und Themen der klinischen Neurophysiologie hinsichtlich ihres klinischen Mehrwerts dargestellt und kritisch diskutiert werden. Leitfrage dieser neuen Rubrik ist: Was nützt wie im klinischen Alltag? Beispielhaft zeigt der Artikel zu Faszikulationspotenzialen bei Amyotropher Lateralsklerose, dass selbst etablierte neurophysiologische Parameter ihren Wert nicht aus der technischen Nachweisbarkeit, sondern aus ihrer Einbettung in den klinischen Kontext ziehen. Mit der Muskelsonografie wird ein Verfahren vorgestellt, das sich zunehmend vom ergänzenden Werkzeug zu einem integralen Bestandteil der neuromuskulären Diagnostik entwickelt. Eine standardisierte Methodik ist dabei entscheidend, um Reproduzierbarkeit und klinische Aussagekraft zu gewährleisten. Das DGKN-Update zur pädiatrischen Neurophysiologie macht zugleich deutlich, dass diagnostische Konzepte stets populationsspezifisch gedacht werden müssen: Was sich im Erwachsenenalter bewährt hat, lässt sich nicht automatisch auf Kinder übertragen. So unterschiedlich die Themen dieses Heftes sind, so verbindet sie doch ein zentrales Leitmotiv: Neurophysiologische Diagnostik ist kein Selbstzweck. Ihr Wert bemisst sich nicht an technischer Raffinesse, sondern an klinischer Relevanz, an Validität und daran, wie sie im konkreten Einzelfall Orientierung bietet. Oder, um Foucault erneut aufzugreifen: Erst am Krankenbett zeigt sich, was von unserem diagnostischen Repertoire tatsächlich Bestand hat. Unser herzlicher Dank gilt allen Autorinnen und Autoren für ihre fundierten und anregenden Beiträge. Wir wünschen Ihnen eine gewinnbringende Lektüre! Ihre Profs. Alexander Grimm und Justus Marquetand Publication History Article published online: 29 May 2026 © 2026. Thieme. All rights reserved. Georg Thieme Verlag KG Oswald-Hesse-Straße 50, 70469 Stuttgart, Germany

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GRIMM, Alexander; MARQUETAND, Justus. Neurophysiologische diagnostik auf dem prüfstand und in ihren grenzen. KLINISCHE NEUROPHYSIOLOGIE, 2026, 57(02): 69.