A. Koopmann
2026.5.1Suchttherapie
Abstract
Die Daten des Epidemiologischen Suchtsurveys [ 1 ] verdeutlichen in eindrücklicher Weise die gesellschaftliche Dimension elterlicher Suchterkrankungen in Deutschland: Schätzungsweise 1,5 bis 2,75 Millionen Minderjährige wachsen mit mindestens einem suchterkrankten Elternteil auf – überwiegend mit einer Mutter oder einem Vater, die an einer tabak- oder alkoholbezogenen Störung leiden. Im Zusammenhang mit dem Konsum illegaler Substanzen und von Cannabis ist zudem von einer beträchtlichen Dunkelziffer auszugehen, da betroffene Eltern ihre Elternschaft im therapeutischen oder wissenschaftlichen Kontext häufig aus Angst vor Eingriffen der Jugendhilfe, etwa einer Inobhutnahme, verschweigen. Die Entwicklungsrisiken für betroffene Kinder sind gut dokumentiert: ein Mangel an emotionaler Zuwendung, Rollenumkehr und Parentifizierung, geringere schulische Leistungen sowie Schwierigkeiten in der sozialen Integration. Hinzu kommen erhöhte Gefährdungen durch Vernachlässigung und Misshandlung sowie, insbesondere beim Tabakkonsum, gesundheitliche Belastungen durch Passivrauchen. Epidemiologische Studien belegen darüber hinaus eine signifikant erhöhte Anfälligkeit für psychische Erkrankungen und Abhängigkeitserkrankungen im späteren Leben. Zugleich bestehen erhebliche Barrieren bei der Inanspruchnahme professioneller Unterstützung. Schuldgefühle, Scham, soziale Isolation und die anhaltende Stigmatisierung von Suchterkrankungen hindern viele Eltern daran, sich an Hilfesysteme zu wenden oder den Unterstützungsbedarf der gesamten Familie offenzulegen. Selbst wenn eine Kontaktaufnahme erfolgt, richtet sich die Versorgung in der suchtmedizinischen Akutbehandlung in Deutschland überwiegend an das erkrankte Elternteil; Kinder bleiben dort nahezu vollständig unberücksichtigt. Systemische Perspektiven, wie sie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie etabliert sind, finden bislang kaum Eingang in die suchtmedizinische Akutversorgung. Ein bedeutender Fortschritt ist die stationsäquivalente Behandlung (StäB), in deren Rahmen insbesondere auch alleinstehende Eltern mit minderjährigen Kindern betreut und die Jugendämter regelmäßig eingebunden werden. Im postakuten Rehabilitationsbereich existieren außerdem einige Einrichtungen, die eine gemeinsame stationäre Aufnahme suchterkrankter Eltern und ihrer Kinder ermöglichen. Auch Suchtberatungsstellen entwickeln zunehmend familienorientierte oder kinderbezogene Therapieansätze. Gleichwohl geraten diese spezialisierten Angebote angesichts unzureichender Refinanzierung durch Kostenträger in eine prekäre Lage – vielerorts droht ihr mittelfristiger Rückbau. Ein weiteres gravierendes Defizit betrifft die suchtmedizinische Akutversorgung: Entgiftungsbehandlungen, bei denen minderjährige Kinder mitaufgenommen werden können, sind derzeit nicht existent. Zwar existieren in der Allgemeinpsychiatrie Mutter- oder Eltern-Kind-Stationen, diese fokussieren jedoch vorwiegend peripartale psychische Erkrankungen und schließen substanzbezogene Störungen meist aus. Damit besteht für suchterkrankte Eltern faktisch keine Möglichkeit, eine Entzugsbehandlung ohne Trennung von ihren Kindern durchzuführen. Das Fehlen familienzentrierter Strukturen in der suchtmedizinischen Akutbehandlung ist nicht nur eine Versorgungslücke, sondern auch eine verpasste Präventionschance. Die frühzeitige Integration systemischer Behandlungsansätze könnte entscheidend dazu beitragen, die intergenerationale Weitergabe von Suchterkrankungen einzudämmen, psychische Folgeerkrankungen bei Kindern zu reduzieren und langfristig gesundheitliche sowie sozialökonomische Folgekosten zu mindern. Bereits 2019 forderte die vom Deutschen Bundestag eingesetzte multiprofessionelle Expertengruppe den gezielten Ausbau familienzentrierter Angebote an den zentralen Behandlungsorten suchterkrankter Eltern – insbesondere in Kliniken und Ambulanzen [ 2 ]. Bislang fehlen in der Regelversorgung jedoch strukturelle und personelle Ressourcen, um diesen Anspruch umzusetzen. Bestehende familienorientierte Projekte sind zumeist auf befristete Förderungen angewiesen und entsprechend vulnerabel gegenüber Finanzierungslücken. Wenn die suchtmedizinische Versorgung in Deutschland ihrem eigenen Anspruch an eine evidenzbasierte, ressourcenorientierte und präventive Ausrichtung gerecht werden soll, bedarf es einer nachhaltigen strukturellen Absicherung familienzentrierter Behandlungsformen. Notwendig sind einheitliche gesetzliche Rahmenbedingungen, eine verlässliche Finanzierung im Gesundheitssystem und der Ausbau aufsuchender Behandlungsmodelle wie der StäB. Nur durch eine solche systemische Erweiterung kann langfristig das Wohl der Kinder suchterkrankter Eltern gewährleistet und der Kreislauf intergenerationaler Belastungen wirksam durchbrochen werden. Publication History Article published online: 19 May 2026 © 2026. Thieme. All rights reserved. Georg Thieme Verlag KG Oswald-Hesse-Straße 50, 70469 Stuttgart, Germany
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KOOPMANN, A. Brauchen wir mehr familienzentrierte therapieansätze in der suchttherapie? Suchttherapie, 2026, 27(02): 62–63.