Psychology, Coaching, and TherapyEcology, Conservation, and Geographical StudiesArt, Aesthetics, and Perception

Beate Kühnel

2026.5.1Suchttherapie

DOI: 10.1055/a-2714-2167

Abstract

Am 04. und 05. Dezember 2003 fand im Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung in Berlin die Fachtagung „Familiengeheimnisse – Wenn Eltern suchtkrank sind und die Kinder leiden“ statt. Eines der Ergebnisse: die 10 Eckpunkte zur Verbesserung der Situation von Kindern aus suchtbelasteten Familien [ 1 ]. Drei Jahre später startete in Thüringen ein Modellprojekt für genau diese Kinder, gefördert vom Freistaat Thüringen. Wenige Monate nach Beginn nahm ich meine Tätigkeit darin auf und blieb bis zur Beendigung. Eine meiner Aufgaben war es, in Thüringer Jugendämtern das Angebot bekannt zu machen. Dabei stieß ich entweder auf Interesse oder auf Unverständnis, wozu ein solches, spezialisiertes Arbeiten überhaupt nötig sei. Inzwischen sind die eigenen Bedarfe betroffener junger Menschen bis in die Politik bekannt: Einstimmig hat der Bundestag am Freitag, 31. Januar 2025, einen Antrag der Fraktionen von SPD, CDU/CSU, Bündnis 90/Die Grünen und FDP gebilligt, der zum Ziel hat, Kinder mit psychisch oder suchtkranken Eltern zu unterstützen (20/12089) [ 2 ]. Seit Beendigung des Modellprojektes 2013 bin ich im Präventionszentrum der SiT – Suchthilfe in Thüringen gGmbH tätig, um Kommunen zu beraten, ein Netzwerk für kollegialen Austausch zu stärken und für die Lage betroffener Familien zu sensibilisieren. Mit dem Beratungsprozesses „LICHTWÄRTS“ zielen wir darauf hin, Thüringer Kommunen mehrjährig bei der Entwicklung von Angebotsformaten für betroffene Kinder und Jugendliche zu unterstützen. Fortbildungen sind dabei ein wesentlicher Gelingensfaktor, ganz besonders wenn sie multiprofessionell gestaltet werden. Die Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe sind gesetzlich klar definiert, in der Praxis müssen die Fachkräfte Symptomen begegnen: jegliche Form von Gewalt, Vernachlässigung und Isolation um nur einige zu nennen. Ursache hierfür kann eine elterliche Suchterkrankung sein [ 3 ]. Wissen darüber zu erlangen, welche Auswirkungen das Krankheitsbild für das Familiensystem hat, sieht das Ausbildungssystem (zum Beispiel im Studium Sozialpädagogik) nicht zwingend vor. Arbeitsalltag ist es dennoch. Diese Diskrepanz führt unter Umständen dazu, dass gewählte Arbeitsansätze oder Hilfepläne aus Unkenntnis über Dynamiken im suchtbelasteten Familiensystem nicht greifen. Die Frage „Worum dreht es sich eigentlich?“ kann hier gleichgesetzt werden mit der Frage: wer muss sich mit wem hilfesystemübergreifend vernetzen, um Klarheit darüber zu gewinnen, welche Veränderungen im Familiensystem wirklichkeitsnah sind. Auch wenn Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe über Grundlagenwissen zu Substanzgebrauchsstörungen verfügen, äußern sie in den Fortbildungen dennoch immer wieder Handlungsunsicherheiten insbesondere in der Gesprächsführung mit betroffenen Elternteilen. Die Orientierung an den sogenannten SMARTen Zielen [ 4 ] kann hilfreich sein, zu überlegen, ob das Ziel der Vereinbarung für die Eltern tatsächlich attraktiv ist, der angedachte Umsetzungsweg realistisch. Ebenso das Wissen darum, dass Kooperationsbereitschaft nicht zwingend eine Veränderungsfähigkeit bedeutet. Eine Bereitschaft im Hilfeplangespräch zu kommunizieren ist nicht gleichzusetzen mit einer wirklichen Fähigkeit zur Veränderung seitens betroffener Eltern. [ 5 ]. Eine lebendige Vernetzung mit dem Suchthilfesystem, ganz besonders mit der örtlichen Suchtberatungsstelle empfehle ich immer wieder ausdrücklich. Auch deshalb ist mir ein multiprofessionelles Schulungsangebot ein „liebgewonnener“ Rahmen von Fortbildungen. Der direkte Austausch kann Nährboden für zukünftige Kontakthaltungen sein, sollte es sie bis dahin noch nicht gegeben haben. Um die Auswirkungen elterlicher Suchterkrankung auf das gesamte Familiensystem sichtbar werden zu lassen, verwende ich zur Veranschaulichung sehr häufig ein Mobile. Der Aufbau zeigt eine – wohl menschliche – Sehnsucht nach Harmonie, die Suche nach Balance und Stabilität. Das Anstupsen einer Person (zum Beispiel wenn eines der Kinder mit einer unangenehmen Nachricht aus der Schule nach Hause kommt) führt unweigerlich zu einem „Auf und Ab“ aller Familienmitglieder. Immer. Das System gerät in Bewegung, pendelt sich nach und nach wieder ein. Was außerdem im Mobile dargestellt ist: die Erwachsenen haben im Vergleich zu den Kindern unterschiedlich lange Fäden, womit zwei Ebenen entstehen. Die Ebene der Erwachsenen und die Ebene der Kinder. Jede dieser Ebenen hat verschiedene Aufgaben zu erfüllen. Für Eltern sind einige, sehr wesentliche Grundsätze im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) unter Paragraph § 1626 Elterliche Sorge verankert. Für Kinder sind Entwicklungsaufgaben vorgesehen, ein durch Urvertrauen gesichertes sich Ausprobieren und (spielerisches) Lernen. Im Mobile kann ich demonstrieren, was passiert, wenn ein Elternteil eine Suchterkrankung entwickelt. Dazu wird eine Bierflasche aus Kunststoff an ein Elternteil befestigt und innerhalb weniger Augenblicke befindet sich das gesamte Familiensystem in absoluter Schieflage. Sichtbar wird, was im realen Leben Jahre dauern kann – das Krankheitsbild nimmt Einfluss auf alle im System verhafteten Familienmitglieder. Sie verheddern sich, rutschen voreinander weg oder dichter zusammen. Alles ist möglich. Was jedoch immer passiert, ist, dass sich die Ebenen verschieben. Für Autonomie der Kinder bleibt keine Zeit mehr, das Überleben der Familie muss gesichert werden. Zwischenmenschliche Verbindungen sind für das Kind ambivalent und risikoreich. Parentifizierung tritt ein, die Übernahme von Elternaufgaben durch die Kinder [ 6 ]. Hennig Mielke, Mitbegründer von NACOA Deutschland (Interessenvertretung für Kinder aus suchtbelasteten Familien e.V.) bezeichnet diesen Umstand als „Betrug an der Kindheit“. Ich stimme dem zu, weil Kinder eben nicht mehr kindlichen Entwicklungsschritten nachgehen können. Es entstehen Defizite, die bis in das Erwachsenenalter hineinreichen. „Die unsichere Bindung des Kindes kann sich im späteren Leben in allen Lebensbereichen auswirken und zu psychischen und sozialen Störungen führen (Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen, Depressionen, Suizidalität)“ [ 7 ]. Bei der Frage „Worum dreht es sich eigentlich?“ gilt auch hier: Das Mobile zeigt, dass sich ab einem gewissen Zeitpunkt alles um die Suchterkrankung dreht. Nach und nach kommt es zur Schieflage, die von außen betrachtet sofort zu erkennen ist. Sucht verläuft als schleichender Prozess! Weshalb eine Suchtentwicklung zunächst auch nicht bemerkt wird, weder von Betroffenen noch von den Familien [ 8 ]. Die im Familiensystem (im Mobile) verbundenen Personen sind in ihrer hohen Funktionalität verstrickt, verknotet und bemüht, das System am Laufen zu halten. In der Literatur werden viele Ursachen für dieses funktionelle Verhalten benannt. Am Häufigsten zu finden sind Schuld, Scham, traumatische Erfahrungen und Ohnmachtsgefühle. „Wie ein unabwendbares Familienschicksal ziehen sich z. B. Alkoholiker-Biografien durch die Generationen. Es liegt nahe, dass sich bei Komorbidität von Sucht, Trauma und Bindungsstörungen Effekte, die zur transgenerationalen Wiederholung der Symptome führen, summieren und sich gegenseitig verstärken.“ [ 9 ]. Dennoch liegt aus meiner Sicht im Hinzufügen zusätzlicher Lernerfahrungen enormes Potential, genau dieses vermeintlich unabwendbare Schicksal zu unterbrechen. Können Kinder und Jugendliche in der Erwachsenenwelt zumindest ein vertrauenswürdiges Gegenüber und zusätzlich andere Strategien von Stressbewältigung und Problemlösung erleben, erfahren wie man Konflikte gewaltfrei löst, erhalten sie endlich eine Wahlmöglichkeit. Sie können sich (wenn vielleicht auch zu einem deutlich späteren Zeitpunkt) entscheiden, welche Handlungsstrategien sie wiederholen möchten und gegebenenfalls „aussteigen“. Mit Blick auf die vertrauenswürdige Erwachsenenwelt und zusätzlichen Lernerfahrungen können wir nun den Kreis schließen und zum Anfang des Artikels zurückkehren – zu den 10 Eckpunkten zur Verbesserung betroffener Kinder. Inzwischen über 20 Jahre alt haben sie ihre Gültigkeit nicht verloren und zeigen auf, wie Unterstützung im Kleinen und im Großen gelingen kann. Als Regionalsprecherin für NACOA Deutschland e. V. möchte ich abschließend noch eine Einladung aussprechen und auf ganz konkrete Hilfen hinweisen: besuchen sie NACOA auf einem seiner Kanäle. Fachkräfte finden Wissenswertes, Materialien, Vernetzung. Betroffene Kinder erfahren direkte Hilfen, unter anderem durch die Online-Beratung. Seit 2024 finden Erwachsene Kinder aus suchtbelasteten Familien in Online Salons Ansprache für Austausch und Impulse. Als Verantwortliche für das Thema Kinder aus suchtbelasteten Familien habe ich im Präventionszentrum der SiT-Suchthilfe in Thüringen gGmbH über 20 Jahre Erfahrungen sammeln können, die sich in den Beratungs- und Schulungsangeboten wiederfinden. Ein Teil davon ist in diese Zeilen eingeflossen und verstärkt hoffentlich Ihre Intention, sich weiter für Kinder aus suchtbelasteten Familien einzusetzen. Vielen Dank dafür. Publication History Article published online: 19 May 2026 © 2026. Thieme. All rights reserved. Georg Thieme Verlag KG Oswald-Hesse-Straße 50, 70469 Stuttgart, Germany

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KÜHNEL, Beate. Worum dreht es sich eigentlich? Suchttherapie, 2026, 27(02): 57–58.