Economic and Social IssuesEcology, Conservation, and Geographical StudiesEnvironmental Science and Technology
DOI: 10.5771/0038-6073-2026-1-3

Abstract

In aktuellen sozialwissenschaftlichen Debatten werden herkömmliche Infrastrukturbegriffe zunehmend infrage gestellt, weil sie einen zu engen Fokus auf dauerhafte und räumlich weit ausgedehnte Systeme setzen, die einer wohlfahrtsstaatlichen Idee des Gemeinwohls dienen. Werden diese Annahmen nicht vorausgesetzt, stellt sich die Frage, wie in räumlicher und zeitlicher Hinsicht vielfältige Versorgungsleistungen koordiniert werden und wie ihre Begrenzungen gerechtfertigt werden. Aufbauend auf der neopragmatistischen Theorie der Forminvestition und Rechtfertigungsordnungen entwickelt dieser Beitrag daher das Konzept der infrastrukturellen Form. Die mobile Nahversorgung im ländlichen Raum dient als exemplarischer Fall für flexible Infrastrukturen, die unter prekären Bedingungen von nicht-staatlichen Akteur:innen getragen werden. In der mobilen Nahversorgung engagieren sich neben den privaten Betrieben auch Dorfbevölkerungen und Kommunen aktiv in der Aufrechterhaltung des Angebots. Die Tour der Nahversorger:innen ist Gegenstand und Medium von Aushandlungen um Forminvestitionen. Dabei regulieren zeitliche und räumliche Grenzziehungen (boundary work) diese Aufwendungen fortlaufend, bewirken aber auch soziale Exklusionen. Die Stabilisierung der Tour wird damit zur logistischen, aber vor allem auch zur moralischen Herausforderung. In moralischen Kompromissen beziehen sich die Betreiber:innen auf plurale Rechtfertigungsordnungen – insbesondere auf Markt-, Industrie-, Handwerks- und Gemeinwohlkonventionen. Das Konzept der infrastrukturellen Form lenkt den Blick somit auf das, was klassische Vorstellungen von Infrastrukturen verdecken: prekäre und begrenzte Raum- und Zeitbezüge, vielfältige Investitionen und plurale Rechtfertigungen.

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KNOPP, Philipp. Infrastrukturelle formen. SOZIALE WELT-ZEITSCHRIFT FUR SOZIALWISSENSCHAFTLICHE FORSCHUNG UND PRAXIS, 2026, 77(1): 3–33.