Renewable Energy and SustainabilityEnvironmental Science and TechnologyCivil and Structural Engineering Research

Benjamin Kromoser

2026.3.1Bautechnik

DOI: 10.1002/bate.70108

Abstract

Obwohl es aktuell oftmals so suggeriert wird, ist die Kreislaufwirtschaft keine neue Erfindung. Die Natur macht es uns schon immer vor, und auch im Bauwesen war der Ansatz in der Vergangenheit zentral verankert. Materialien und Baustoffe wurden, wo möglich, wiederverwendet oder, wenn das nicht möglich war, recycelt. Grund dafür waren einerseits einfachere Bauweisen und die damit verbundene einfachere Trennbarkeit von Bauteilen und Baustoffen und andererseits der damit verbundene hohe menschliche Aufwand und die damit in Verbindung stehenden hohen Kosten, die mit der Beschaffung von Rohmaterial sowie auch der Weiterverarbeitung und dem Transport verbunden waren. Im Zuge des Beginns der Nutzung von fossilen Brennstoffen mit hoher Energiedichte und der Industrialisierung wurden die Herstellungs- und Transportprozesse wesentlich effizienter, und große Mengen an Material konnten mit vergleichsweise wenig menschlichem Aufwand bereitgestellt werden. Das Resultat war, dass sich das Verhältnis von Materialkosten zu Personalkosten deutlich in Richtung eines erheblich größeren Einflusses der Personalkosten verschob, egal ob für Planungs- oder Ausführungsleistungen. Aktuell sind Baumaterialien in den industrialisierten Staaten mit vergleichsweise niedrigen Material- und hohen Personalkosten verbunden. In der Baupraxis hat das dazu geführt, dass sich ein nahezu lineares Wirtschaftssystem nach dem Prinzip Take-Make-Waste entwickelt hat, mit dem wir nun konfrontiert sind. Problematisch dabei ist nicht nur die aktuelle fehlende planerische und baupraktische Umsetzung und die hohe Umweltbelastung der aktuellen Baumethoden, sondern auch das mittlerweile fehlende Wissen, wie vollumfänglich kreislauffähig gebaut werden kann. Die Baumethoden haben sich in den vergangenen Jahrzehnten weiterentwickelt, z. B. in Richtung eines höheren Komforts in Innenräumen und eines geringeren Energiebedarfs in der Nutzung, allerdings nicht mit dem wesentlichen Fokus einer möglichst hochwertigen Kreislaufführung von Gebäuden, Bauteilen und Baustoffen. Nun gibt es in der Wissenschaft, Wirtschaft und auch bei der öffentlichen Hand umfassende Anstrengungen, um wieder eine Kreislaufwirtschaft zu etablieren, allerdings noch mit vergleichsweise wenig praktischer Umsetzung – zumindest in der Baubranche. Problematisch ist auch, dass momentan oft lediglich einzelne Teilaspekte der Kreislaufwirtschaft herausgepickt werden. Kreislaufwirtschaft im Bauwesen ist jedoch ein Zusammenspiel aus vielen Teilaspekten, die allesamt gemeinsam adressiert werden müssen, um messbare Fortschritte zu erzielen. Eine Zusammenstellung der relevanten Aspekte ist beispielsweise im Bewertungssystem ZiFa 1.0, das an der BOKU University in Wien entwickelt wurde, vorgestellt (detaillierte Informationen sind im dazugehörigen Fachbeitrag zu finden). Die dort formulierten Indikatoren umfassen beispielsweise die Inputströme, demnach welche Materialien verbaut werden (1), die Durchführung einer Ökobilanz (2), planerische Aspekte wie die Nutzungsintensität von Gebäuden (3), die Flexibilität, Umnutzbarkeit und Nachverdichtbarkeit von Gebäuden (4) sowie die Langlebigkeit, Reparaturfähigkeit und Tauschbarkeit (5) z. B. von einzelnen Bauteilen oder auch der Gebäudetechnik. Weiters wird das Potenzial für einen möglichst schonenden und sortenreinen Rückbau und eine spätere Wiederverwendung von Bauteilen (6) sowie die Recyclierbarkeit basierend auf aktuellen Technologien adressiert. Zuletzt ist noch das Nicht-Ziel, die Entsorgung (8), als Komplementärwert des Indikators (7) definiert. Eine Weiterentwicklung der momentan im Einsatz befindlichen Baumethoden in Richtung kreislauffähiger Konstruktionen sowie von standardisierten Prozessabläufen, die die aktuellen linearen Ansätze ersetzen. Objektive Beurteilungskriterien, um die Verbesserung, verglichen mit dem Stand der Technik, auch objektiv für alle Beteiligten messbar zu machen. Eine Ausbildung von Fachexpert:innen in der Planung und Ausführung, die in der Lage sind, entsprechende Gebäude zu konstruieren und dann auch baupraktisch umsetzen. Einen Rahmen, der die größeren Aufwände z. B. für kleinteilige, materialarme, aber personalintensive Maßnahmen wieder attraktiver macht. Die Behandlung aller Teilaspekte der Kreislaufwirtschaft anstatt lediglich von Einzelnen. Ein Aufskalieren von kleinen Initiativen in Richtung einer großflächigen Umsetzung. Die damit verbundene Aufgabe ist vermeintlich größer, als es den handelnden Akteuren bewusst ist. Nur darüber zu sprechen und kleinskalig zu zeigen, dass es gute Ideen und Ansätze gibt, reicht nicht. Die Bauwirtschaft ist träge, und es braucht daher alle erdenklich möglichen Anstrengungen, um eine Kreislaufwirtschaft (wieder) in der Breite zu etablieren. Demnach möchte ich alle in der Baubranche tätigen Personen dazu anhalten, sich dem Thema mit der notwendigen Ernsthaftigkeit zu widmen. Ein kurzsichtiges wirtschaftliches Denken hilft uns hier nicht weiter. Es braucht vielmehr den Weitblick, dass kreislauffähiges Bauen dringend für unsere Umwelt notwendig ist und auch unseren wirtschaftlichen Ökosystemen mittel- und langfristig Erfolg bringen wird. Wir müssen zurück zu natürlichen Kreisläufen, um (wieder) eine langfristige Balance zu schaffen. Univ. Prof. Dipl.-Ing. Dr. Benjamin Kromoser

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KROMOSER, Benjamin. Kreislaufwirtschaft – ein opfer der industrialisierung? Bautechnik, 2026, 103(3): 221–222.