U. Frischknecht
2026.2.1Suchttherapie
Abstract
Liebe Lesende für Diversität sein bedeutet sich für Vielfalt einzusetzen, für Toleranz, für Unterschiede und für Verschiedenheit. Auch statistisch steht Vielfalt für Spannweite und Streuung oder Varianz. Vor allem aber heißt Diversität, nicht nur eindimensional zu denken, sondern mehrdimensional, intersektional und unter Berücksichtigung von Dynamiken. Statt monokausalem Determinismus und Linearität bedeutet Diversität, sich auch mit pluralistischen, multikausalen, multisystemischen, interaktionellen Erklärungen entsprechender Phänomene zu befassen. Diversität fordert daher auch, die Komplexität anzuerkennen und nicht ideologischen „One-Size-Fits-All“ Dogmen zu folgen. Neben klassischen Diversitätsthemen wie Geschlecht, Ethnie und Inklusion, sollte der Begriff jedoch nicht nur darauf hinweisen, dass es mehrere „Schubladen“ im Menschsein gibt, sondern auch, dass die Dimensionen und Spektren vieler menschlicher Unterscheidungsmerkmale in ihrer Buntheit (Bandbreite) Berücksichtigung finden sollten. Zum Beispiel sollte „Neurodiversität“ nicht als Konzept missverstanden werden, das Menschen in „Neurotypische“ und „Neurodivergente“ einteilt, sondern auch anerkennt, dass sich Menschen mehr oder weniger in ihrer komplexen neuroarchitektonischen Beschaffenheit unterscheiden. So wichtig die kategoriale Kodierung von Merkmalen unterschiedlicher Menschen für eine Vereinfachung ist und Regelbasierung darauf beruht, dass es abgegrenzte Entitäten gibt, so richtig ist es aber auch, die vielfältigen, oft weitreichenderen multidimensionalen Unterschiede innerhalb jeder Kategorie zu bedenken. Das Konzept der Intersektionalität stellt entsprechend ein Beispiel dar, bei dem mehrere Merkmalsdimensionen in Merkmalsausprägungen zusammengefasst werden und bei mehreren mit Benachteiligung einhergehenden Merkmalsausprägungen die betreffenden Personengruppen überproportional benachteiligen. Stärker, als dies bei Betrachtung und Addition einzelner Merkmalsdimensionen der Fall gewesen wäre. Während Intersektionalität klassischerweise auf die Intersektio von Sexismus, Rassismus und Klassismus fokussiert (Menschen die sowohl aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Ethnie und ihrer „Klassenzugehörigkeit“ benachteiligt sind, z. B. „bildungsferne, schwarze Frauen“), kann der Mechanismus in einer Vielfalt an unterschiedlichen – und für spezifische soziale Rollen mitunter verschiedene – Benachteiligungsdimensionen angewandt werden. So sind ähnliche Interaktionseffekte in der „gesundheitlichen Benachteiligung“ bei Menschen beobachtbar, die sowohl Alkohol als auch Nikotin konsumieren und dadurch ungleich höheren Gesundheitsschäden ausgesetzt sind, als Menschen, die jeweils nur eine Substanz konsumieren, oder als würde man die Einzelrisiken lediglich addieren. Eine solche Sichtweise ist herausfordernd, denn Sie erkennt an, dass „einfache Regeln“ pauschale Aussagen, schnödes Paradigmenanhaften nicht adäquat ist. Eine durch Vielfalt geprägte Perspektive fordert ein ungleich komplexeres Verständnis von Suchtproblemen. Gerade darin liegt jedoch auch der Reiz: Es gibt keine einfachen „Lösungen“ und so sollten auch die Hilfsangebote sich in Vielfalt und Pluralismus üben. Vor diesem Hintergrund war von Anfang an klar, dass wir auch mit diesem Themenheft zum Thema „Diversität“ nur einen Ausschnitt der verschiedenen relevanten Aspekte berücksichtigen können. Umso mehr freue ich mich, Ihnen ein Heft präsentieren zu können, das sowohl in seinen Originalarbeiten als auch in den Mantelbeiträgen unterschiedliche Facetten von Diversität aufgreift. So findet sich im ersten Artikel von Noël et al. eine Übersichtsarbeit zu Frauen-spezifischer Besonderheiten in der Pharmakotherapie der Alkoholabhängigkeit Anschließend erfolgt im Beitrag von Saleh et al. eine qualitative Interviewstudie mit arabischsprechenden Geflüchteten, die verdeutlicht, welche sprachlichen, ethischen und kulturellen Besonderheiten bereits bei der Erfassung von Suchtmitteln in Wissenschaft und Praxis berücksichtigt werden müssen. Im dritten Beitrag von Schecke et al. werden durch die Darstellung von Konsumprävalenzen bei Menschen mit fetaler Alkoholspektrumstörung berichtet, und die diversen Risiken von unterschiedlichen Substanzen für diese vulnerable Gruppe aufgezeigt. Im letzten, eigenen Beitrag, wird darauf hingewiesen, wie divers die Suchthilfefachkräfte sowohl in Ausbildungsstand als auch in Haltung und Erwartung zur Legalisierung von Cannabis für unterschiedliche vulnerable Gruppen aufgestellt sind. Auch der Suchtkooperationstag NRW widmete sich dem Thema Diversität mit einem Fokus auf Rassismus und konnte trotz einer Vielzahl an Workshops das Bild der Diversität doch nur umreißen. Ich wünsche Ihnen viel Spaß und Neugier bei der Lektüre und verbleibe in der Hoffnung auf weitere Themenhefte zu diesem spannenden und vielfältigen Thema. Ulrich Frischknecht Publication History Article published online: 18 February 2026 © 2026. Thieme. All rights reserved. Georg Thieme Verlag KG Oswald-Hesse-Straße 50, 70469 Stuttgart, Germany
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FRISCHKNECHT, U. Diversität. Suchttherapie, 2026, 27(01): 9–10.