Herbal Medicine Research StudiesMedicinal plant effects and applicationsDiverse Legal and Medical Studies
DOI: 10.1055/a-2683-2761

Abstract

Ingwer wurde als die Arzneipflanze des Jahres 2026 von dem Studienkreis für Entwicklungsgeschichte und der Gesellschaft für Phytotherapie ausgelobt und fand gleich zu Jahresbeginn ein gutes Echo in der Presse (bis hin auf die Titelseite der „Bild“). Die Anwendungsgebiete des schon lange in Europa medizinisch genutzten Rhizoms der Pflanze sind umfangreich und umfassen sogar die Reisekrankheit als „well-established use“ in der aktualisierten EMA-Monografie. Lesen Sie hierzu den umfassenden Beitrag über Ingwer auf S. 4. Die medizinhistorische Anwendung bei Reisekrankheit stellt sich bei genauem Hinsehen erheblich lückenhafter dar, als man dies allgemein suggeriert bekommt – siehe dazu die Spurensuche von Tobias Niedenthal auf S. 14. Obwohl die EMA-Monografie im Vergleich zu anderen Arzneipflanzen dem Ingwer neben der Reisekrankheit mehrere traditionelle Anwendungsgebiete zugesteht, fehlen leider häufig berichtete Indikationen wie die weltweit verbreitete Anwendung gegen Schwangerschaftserbrechen. Dessen Ablehnung läuft über etwas „schräge“ Argumentationsstränge, die mir aus meiner Zeit in der Kommission E geläufig sind. Die (meist männlichen) Experten streuen erstens Zweifel an der Sicherheit: Die Ergebnisse der Toxikologie seien widersprüchlich, was aber ja eigentlich gegen einen spezifisch toxischen Effekt spricht und eher positiv bewertet werden müsste! Zweitens wird das Anwendungsgebiet restriktiv eingegrenzt auf einen limitierten Zeitraum in der Schwangerschaft. Drittens wird dann das damit erheblich geschrumpfte Paket der klinischen Studien durch entsprechende formale Kriterien, z. B. auf doppelt geblindete Studien soweit eingeengt, dass die Basis für die klinische Evidenzbeurteilung eng wird und man dann leicht formale Mängel und Divergenzen bei den Studien finden kann, auch in unterschiedlichen Zubereitungen und Dosierungen. Hierzu haben in der ESCOP wirkende Autorinnen einen interessanten Beitrag publiziert, den eine von ihnen – Liselotte Krenn – referiert (S. 17). Von Seiten der ESCOP jedenfalls werden bei den verschiedenen Indikationen des Ingwers wesentlich mehr klinische Studien berücksichtigt als bei der EMA. Eigene Erfahrungen mit Ingwer in Form von kandierten Ingwerstückchen auf einem Segeltörn vor ein paar Tagen waren durchgängig gut: Kurz nach Verlassen des Hafens begann die Schaukelei, die Gespräche stoppten und ich verspürte beginnendes Unwohlsein – Nausea. Nach Lutschen und Kauen des Ingwers verschwand das Unwohlsein unmittelbar. Die Mitsegler verspürten ebenfalls eine Linderung und es kam nicht zu Erbrechen. Die „Behandlung“ (darf man bei einem Lebensmittel nicht so nennen!) wurde alle 20 Minuten wiederholt … Ingwer hat einen sehr intensiven Geschmack, den nicht alle mögen. Kandierter Ingwer enthält zusätzlich Zucker, welcher den Geschmack moduliert und verlängert – bei einer Weinprobe würde man von einem sehr langen „Abgang“ sprechen. Die unmittelbar einsetzende Wirkung spricht für ein reflektorisches Geschehen im Bereich von Mund, Rachen und Magen. Dieses könnte deutlich komplexer sein als die bereits vor über 100 Jahren gefundene reflektorische Vagus-Stimulation. Der komplexen Physiologie wird man aber mit In-vitro-Pharmakologie allein kaum auf die Spur kommen. Eine wirkliche Verblindung von Ingwer ist nur mit festen oralen Formen möglich, dementsprechend sind Studien mit anderen geschmackvollen Zubereitungen für Kritik anfällig. Durch Verkapselung werden aber die Reflexe aus Mund und Rachen unterbunden und man erhält eine abgeschwächte oder sogar andere Wirkung. Mein kritischer Bericht über eine interessant erscheinende klinische Studie aus Thailand über Ingwer gegen postoperative Nausea und Erbrechen zeigt wieder einmal erhebliche Mängel, die zu Zweifeln an der Aussage der Studie führen (S. 19). Anschließend wird ein Experiment vorgestellt, inwieweit mittels KI-Systemen Mängel in derselben Publikation gefunden werden. Es zeigt sich, dass verschiedene LLM bei abgestuftem Nachfragen in unterschiedlichem Ausmaß Fehler in der Publikation finden. Initiale Antworten entsprechen mitunter noch weitgehend dem Abstrakt. Mitunter bringt ein LLM in nachgestellten Testläufen auch eine problematische a priori Abqualifizierung allein wegen der Publikation in einem Journal mit angeblich weniger hohem Anspruch. Zunächst sind die Kritikpunkte und die Gesamturteile der drei LLM durchaus unterschiedlich. Ähnlich wie der Satz aus dem Volk: „Frag 3 Ärzte und Du erhältst 5 Antworten!“ Durch ungezielte und noch besser durch gezielte Nachfragen an die LLM erhält man heute bereits Mängel nach Relevanz sortiert – innerhalb von Minuten, wofür ein Experte Stunden benötigen würde. Letztendlich sind aber die rasch aufgeworfenen Kritikpunkte aus Expertensicht fast komplett richtig erkannt und gehen über die von mir gefundenen Mängel weit hinaus, sowohl in den aufgefundenen mathematischen Fehlern als auch in den schrägen Darstellungen. Und die Systeme entwickeln sich rasant weiter! Ich würde mich freuen, wenn Sie mit uns und unseren Lesern Ihre Erfahrungen mit KI teilen – in Form eines Leserbriefes. Mit welchen Fragen erhalten Sie die gewünschten Antworten? Diese und weitere Möglichkeiten der KI werden die Phytotherapie und die Wissenschaft verändern: Verlage, Herausgeber und Peer-Reviewer werden zukünftig KI einsetzen, Autoren werden dementsprechend vorab ihre Manuskripte prüfen. Damit wird (hoffentlich) die Qualität in den wissenschaftlichen Originalpublikationen erhöht, insbesondere in der Klinischen Forschung, wo es wenig Peer-Reviewer gibt, die sich sowohl in der klinischen Fachdisziplin auskennen als auch in der Methodik und Statistik der Klinischen Prüfung fit sind. Systematische Reviews, Gutachten oder Assessment Reports können nun sehr schnell erstellt werden, und erstere werden vermutlich erheblich an Bedeutung verlieren. Wissenschaftler, die sich ausschließlich mit solcher sekundären Forschung beschäftigen, sollten sich schon mal neue Forschungsfelder suchen. Fragen zum Datenschutz noch nicht publizierter Ergebnisse werden bei Nutzung öffentlich zugänglicher Systeme zu klären sein; Verlage werden deshalb vom Web abgekoppelte Systeme nutzen und bezahlen müssen. Speziell in der Phytotherapie haben wir bis auf wenige Ausnahmen ohnehin eine schwache und veraltete Basis von klinischen Studien. Die Evidenzbeurteilungen der Arzneipflanzen werden in den nächsten Jahren viel kritischer werden, da viele alte und schlechte Publikationen mittels KI „fachgerecht“ zerlegt werden. Dann bleibt nur noch die traditionelle Anwendung für die meisten Arzneipflanzen, und die ist allein nicht ausreichend als Basis für eine wissenschaftsbasierte Aus-, Fort- und Weiterbildung für die Anerkennung im Gesundheitssektor und in der Politik. Meines Erachtens muss hier rasch etwas geschehen (und zwar vor allem in Europa!), bevor die Phytotherapie die Anerkennung verloren haben wird. Dieses Editorial wurde ohne Einsatz von KI erstellt. Bernhard Uehleke Publication History Article published online: 23 February 2026 © 2026. Thieme. All rights reserved. Georg Thieme Verlag KG Oswald-Hesse-Straße 50, 70469 Stuttgart, Germany

Citation format

UEHLEKE, B. Alles gute für 2026 – phytotherapie quo vadis? Zeitschrift Fur Phytotherapie Offizielles Organ Der Ges F Phytotherapie Ev, 2026, 47(01): 1–2.