P. Schwarz, A. Bergmann
2026.6.1Diabetes Aktuell
Abstract
Prädiabetes wird im klinischen Alltag noch immer häufig als Vorstufe verstanden, die man beobachtet, dokumentiert und bestenfalls „im Blick behält“. Genau das greift zu kurz. Prädiabetes ist kein statischer Risikozustand, sondern ein metabolisches Fenster, in dem sich der Krankheitsverlauf noch aktiv in Richtung Normoglykämie verschieben lässt. Der aktuelle Lancet-Kommentar ( https://www.thelancet.com/journals/landia/article/PIIS2213–8587(25)00360–2/abstract ; Stand: 02.06.2026) fordert deshalb zu Recht, Prädiabetes-Remission als eigenständigen Präventionsendpunkt zu definieren und damit die Perspektive zu ändern: Weg vom bloßen Aufhalten, hin zur gezielten Rückführung in Stoffwechselgesundheit. Diese Sichtweise ist nicht nur semantisch attraktiv, sondern klinisch hoch relevant. Prädiabetes-Remission ist mit einer deutlich geringeren Inzidenz des Typ-2-Diabetes verbunden; die publizierten Daten sprechen für eine Reduktion des Diabetesrisikos um etwa 50–76 %, selbst wenn es später bei einem Teil der Betroffenen wieder zu einem Rückfall in den Prädiabetes kommt. Hinzu kommt ein langfristiger Nutzen für mikro- und makrovaskuläre Endpunkte mit einem Legacy-Effekt über Jahrzehnte. Damit wird Remission zu einem sinnvollen Therapieziel in der Prävention und nicht zu einem akademischen Etikett. Besonders wichtig ist, dass Prädiabetes-Remission nicht auf Gewichtsverlust allein reduziert werden darf. Die vorliegenden Daten zeigen, dass Remission zwar häufig mit einer Gewichtsabnahme von mehr als 5 % einhergeht, gleichzeitig aber auch ohne nennenswerten Gewichtsverlust möglich ist, wenn sich Insulinsensitivität, Fettverteilung und Betazellfunktion verbessern. Genau dieser Punkt ist für die hausärztliche und diabetologische Praxis entscheidend: Erfolg bedeutet nicht nur weniger Kilogramm, sondern bessere metabolische Funktion. Prädiabetes ist damit tatsächlich ein „reversibles Fenster“. Aus dieser Evidenz folgen aus unserer Sicht 4 konkrete Konsequenzen für die Versorgung. Erstens sollte bei Prädiabetes nicht mehr nur das Fortschrittsrisiko dokumentiert, sondern ein aktives Remissionsziel formuliert werden: Normoglykämie als realistischer Behandlungsauftrag. Zweitens brauchen wir einfache, standardisierte Kriterien für die klinische Praxis, etwa normoglykämische Schwellenwerte bei HbA1c, Nüchternglukose und gegebenenfalls OGTT, bestätigt über einen definierten Zeitraum. Drittens müssen strukturierte Lebensstilprogramme in der Primärversorgung regelhaft verfügbar und finanzierbar sein, statt von lokalem Engagement oder Projektmitteln abzuhängen. Viertens sollte Metformin bei klar definierten Hochrisikokonstellationen als ergänzendes Instrument pragmatisch genutzt werden, immer zusätzlich zum Lebensstil und nicht als dessen Ersatz. Gerade für die Hausarztpraxis ist die Botschaft ermutigend. Prädiabetes ist kein Anlass zu therapeutischem Fatalismus, sondern eine Gelegenheit zu wirksamem Handeln. Wer früh erkennt, klar kommuniziert und konsequent begleitet, kann nicht nur die Manifestation des Typ-2-Diabetes verzögern, sondern bei vielen Menschen den Weg zurück in eine stabile Normoglykämie eröffnen. Prädiabetes-Remission sollte deshalb in Leitlinien, Qualitätsindikatoren und Versorgungspfaden als eigenständiges Ziel verankert werden. Nicht zuletzt verändert der Begriff Remission auch die Kommunikation mit Patientinnen und Patienten. Er vermittelt Hoffnung ohne Naivität: keine „Heilung“, kein harmloser Befund, sondern ein messbarer Zustand mit weiter bestehender Rückfallgefahr und damit der Notwendigkeit zur Nachsorge. Genau darin liegt seine Stärke. Die Präventionsmedizin braucht Ziele, die wissenschaftlich belastbar, klinisch relevant und motivierend sind. Prädiabetes-Remission erfüllt alle 3 Kriterien. KONKRETE EMPFEHLUNGEN Prädiabetes in Praxis und Leitlinien als behandelbaren, reversiblen Stoffwechselzustand darstellen, nicht nur als Risikomarker. Remission als Zielgröße in Präventionsprogrammen und Studien systematisch erfassen. Standardisierte Kriterien verwenden, etwa Normoglykämie über HbA1c, Nüchternglukose und wenn sinnvoll OGTT, bestätigt nach einem definierten Intervall. Strukturierte Lebensstilprogramme in der Primärversorgung regelhaft anbieten und vergüten. Metformin bei Hochrisikopersonen gezielt ergänzend einsetzen, besonders wenn Lebensstilmaßnahmen allein nicht ausreichen. Nach erreichter Remission eine strukturierte Verlaufskontrolle etablieren, da Rückfälle häufig sind und metabolische Erinnerung bestehen bleibt. Publication History Article published online: 18 June 2026 © 2026. Thieme. All rights reserved. Georg Thieme Verlag KG Oswald-Hesse-Straße 50, 70469 Stuttgart, Germany
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SCHWARZ, P.; BERGMANN, A. Prädiabetes-remission: Aus einem risiko muss wieder gesundheit werden. Diabetes Aktuell, 2026, 24(04): 139–140.