N. Tinbergen

2010.4.26ETHOLOGY

DOI: 10.1111/j.1439-0310.1963.tb01161.x

Abstract

Zusammenfassung Ich habe in diesem Aufsatz kurz anzudeuten versucht, was meiner Ansicht nach das Wesentliche in Fragestellung und Methode der Ethologie ist und weshalb wir in Konrad Lorenz den Begrunder moderner Ethologie erblicken. Hierbei habe ich vielleicht das Arbeitsgebiet der Ethologie weiter gefast, als unter Ethologen gebrauchlich ist. Wenn man aber die vielartige Arbeit jener Forscher ubersieht, die sich Ethologen nennen, ist man zu dieser weiten Fassung geradezu gezwungen. Ich habe in meiner Darstellung weder Vollstandigkeit noch Gleichgewicht angestrebt und, um zur Fortfuhrung des Gesprachs anzuregen, ruhig meine Steckenpferde geritten, vor allem das Verhaltnis zwischen Ethologie und Physiologie, die Gefahr der Vernachlassigung der Frage der Arterhaltung, Fragen der Methodik der ontogenetischen Forschung, und Aufgaben und Methoden der Evolutionsforschung. Bei der Einschatzung des Anteils, den Lorenz an der Entwicklung der Ethologie genommen hat und noch nimmt, habe ich als seinen Hauptbeitrag den bezeichnet, das er uns gezeigt hat, wie man bewahrtes “biologisches Denken” folgerichtig auf Verhalten anwenden kann. Das er dabei an die Arbeit seiner Vorganger angeknupft hat, ist nicht mehr verwunderlich, als das jeder Vater selbst einen Vater hat. Insbesondere scheint mir das Wesentliche an Lorenz‘ Arbeit zu sein, das er klar gesehen hat, das Verhaltensweisen Teile von “Organen”, von Systemen der Arterhaltung sind; das ihre Verursachung genau so exakt untersucht werden kann wie die gleich welcher anderer Lebensvorgange, das ihr arterhaltender Wert ebenso systematisch und exakt aufweisbar ist wie ihre Verursachung, das Verhaltensontogenie in grundsatzlich gleicher Weise erforscht werden kann wie die Ontogenie der Form und das die Erforschung der Verhaltensevolution der Untersuchung der Strukturevolution parallel geht. Und obwohl Lorenz ein riesiges Tatsachenmaterial gesammelt hat, ist die Ethologie doch noch mehr durch seine Fragestellung und durch kuhne Hypothesen gefordert als durch eigene Nachprufung dieser Hypothesen. Ohne den Wert solcher Nachprufung zu unterschatzen — ohne die es naturlich keine Weiterentwicklung gabe — mochte ich doch behaupten, das die durch Nachprufung notwendig gewordenen Modifikationen neben der Leistung des ursprunglichen Ansatzes vergleichsweise unbedeutend sind. Nebenbei sei auch daran erinnert, das eine der vielen heilsamen Nachwirkungen der Lorenzschen Arbeit das wachsende Interesse ist, das die Humanpsychologie der Ethologie entgegenbringt - ein erster Ansatz einer Entwicklung, deren Tragweite wir noch kaum ubersehen konnen. Am Schlus noch eine Bemerkung zur Terminologie. Ich habe hier das Wort “Ethologie” auf einen Riesenkomplex von Wissenschaften angewandt, von denen manche, wie Psychologie und Physiologie, schon langst anerkannte Namen tragen. Das heist naturlich nicht, das ich den Namen Ethologie fur dieses ganze Gebiet vorschlagen will; das ware geschichtlich einfach falsch, weil das Wort historisch nur die Arbeit einer kleinen Gruppe von Zoologen kennzeichnet. Der Name ist naturlich gleichgultig; worauf es mir vor allem ankommt, ist darzutun, das wir das Zusammenwachsen vieler Einzeldisziplinen zu einer vielumfassenden Wissenschaft erleben, fur die es nur einen richtigen Namen gibt: “Verhaltensbiologie”. Selbstverstandlich ist diese synthetische Entwicklung nicht die Arbeit eines Mannes oder gar die der Ethologen. Sie ist die Folge einer allgemeinen Neigung, Brucken zwischen verwandten Wissenschaften zu schlagen, einer Neigung, die sich in vielen Disziplinen entwickelt hat. Unter den Zoologen ist es Lorenz, der hierzu am meisten beigetragen und zudem manche Nachbardisziplinen starker beeinflust hat als irgendein anderer. Ich bin sogar davon uberzeugt, das diese Einwirkungen auf Nachbarwissenschaften noch lange anhalten werden und das die Verhaltensbiologie erst am Anfang ihrer Ontogenie steht.

Citation format

TINBERGEN, N. On aims and methods of ethology. ETHOLOGY, 2010, 20: 410–433.