Abstract
Die vorliegende Untersuchung geht der Frage nach, auf welche Weise Michael Psellos und Georgios Gemistos Plēthon die Chaldaischen Orakel als eine Quelle uralter orientalischer Weisheit interpretierten. Psellos geht als ein Haresiologe an die Orakel heran, wenn auch mit ambivalenten Aussagen hinsichtlich der Rolle von Magie sowohl in der Lehre der Orakel als in seiner eigenen Philosophie. Der Artikel untersucht, inwieweit in der mittelalterlichen byzantinischen Vorstellung Magie mit Konstruktionen orientalischer “Dekadenz” verbunden war, die ihrerseits Einfluss hatten auf Psellos' eigene Auffassung, bei den Orakeln handele es sich um illegitime ostliche Zauberkunst, ungeachtet des Wertes ihrer metaphysischen Lehre. Plēthon hingegen greift die Orakel im Kontext eines Diskurses neopaganer Alteritat auf, in welchem er sie mit einer antiken ostlichen Weisheit identifiziert, die gegen das orthodoxe Christentum in Stellung gebracht wurde. Obwohl er keinerlei Kenntnisse uber persische Religion besas, schrieb er dem Zoroaster die Autorschaft der Orakel zu, und zwar nicht aus schlichter Naivitat, sondern im Zuge eines gangigen Deutungsmusters, das James Walbridge “Platonischen Orientalismus” nennt: die Neigung neoplatonischer Denker, uraltes Wissen nicht nur Platon zuzuschreiben, sondern auch anderen Weisen aus dem Osten. Plēthon, selbsternannter Neuheide in einem christlich orthodoxen Reich, fuhlte sich angesprochen von der orientalischen Otherness der Orakel und identifizierte sich mit ihnen. Sein Manuskript der Orakel, welches ursprunglich Psellos gehorte, half ihm bei diesem Unternehmen. Seit Psellos waren wichtige Fragmente, die Askese, Dualismus und pagane Gottheiten betrafen, verloren oder doch unvollstandig. Ohne diese fehlenden Fragmente war es ein Leichtes fur Plēthon, die Orakel als eine holistische persische Theologie zu lesen, und nicht als eine hellenistische, mittelplatonisch-dualistische. Die Unterschiede zwischen Plēthons Exemplar der Orakel und jenen der fruhen Neuplatonisten mogen ein Grund dafur sein, dass Plēthon der erste Platonist war, der Zoraster als den Autor der Orakel identifizierte, eine Zuschreibung, die entscheidend werden sollte fur die Rezeption und Interpretation der Orakel in Renaissance und moderner Esoterik.
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BURNS, D. The chaldean oracles of zoroaster, hekate's couch, and platonic orientalism in psellos and plethon. Aries-Journal for the Study of Western Esotericism, 2006.