O. Schönberger

1966.12.31ANTIKE UND ABENDLAND

DOI: 10.1515/9783110241242.180

Abstract

Camilla, eine der leuchtenden, unvergeßlichen Frauengestalten Vergils, hat bisher mehr wegen der Frage ihrer Herkunft und ihrer möglichen Vorbilder das Interesse der Forschung erweckt. Man sah in ihr «nichts als eine römische Copie der Harpalyke», suchte Motive eines Vegetationsdämons in ihrem Wesen, fand eine wenig gelungene Nachahmung der Amazonenkönigin Penthesilea in ihr und hielt die Episode im ganzen für unfertig und «so gut es gehen wollte» in den Zusammenhang «eingefügt». Nun hat Erich Auerbach bereits eine neue Betrachtungsweise eingeführt und die Camilla-Episode in glänzender Weise stilistisch und strukturell erhellt. «Die synchronisch-strukturelle Betrachtungsweise der allgemeinen Literaturwissenschaft führt hier bedeutend weiter als die diachronische, nur zur Behandlung von Vorfragen kommende Arbeitsweise» älteren Datums. Auerbach hat seine Aufmerksamkeit allerdings mehr der Episode als Ganzem gewidmet, während wir nun über die Gestalt Camillas selbst handeln wollen. Dabei ist es nur nötig, sich Vergils Führung anzuvertrauen, um zu erkennen, daß in der Camilla-Episode ein ganz eigenes Gebilde von stiller Schönheit und tiefem Sinne vorliegt. Den stolzen Zug italischer Fürsten und Völker, den Vergil voll Freude an der urtümlichen Kraft dieses Landes im siebenten Buch der Aeneis am Leser vorüberziehen läßt, beschließt die Volskerin Camilla. Sie, eine Jungfrau, führt ihr Volk in den Krieg, und Vergil erklärt diese auffallende Tatsache, indem er ihr Wesen umreißt (7, 803—817): Sie ist eine Kämpferin, kann harten Streit bestehen und ist rasch wie der Wind. Die Paradoxie der kämpfenden Jungfrau ist auch sprachlich fühlbar: Vergil bettet in die Folge «proelia dura pati» das hier ganz unerwartete

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SCHÖNBERGER, O. Camilla. ANTIKE UND ABENDLAND, 1966, 12: 180–188.